Corona und Schule – Hilfe, meine Schüler melden sich nicht!

Digitale Schule, Lernbereitschaft und Beteiligung  

Das vorletzte Jahrzehnt

Mittlerweile bereits im vorletzten Jahrzehnt trug es sich zu, dass ich an der Universität mein erstes digitales Lernmodul bearbeiten sollte. Meine Kommilitonen und ich hatten die Aufgabe, auf einer Moodle Plattform Beiträge zu verfassen und gemeinsam Dokumente zu erstellen. Zu dieser Zeit war ich allerdings sehr mit dem Einleben in den Universitätsalltag und dem selbstständigen Zubereiten genießbarer Nahrung beschäftigt. Vor diesem Hintergrund wirkte die Arbeit an einem digitalen Papier, getrennt von anderen Menschen vor meinem Heim-Desktop, verständlicherweise ziemlich langweilig und unverbindlich. Die ersten zwei Wochen passierte im Forum nichts – allen Ermunterungen des Dozenten zum Trotz. Bei der ersten Präsenzsitzung sagte er uns dann: „Kein Problem, das war eingeplant, passiert eigentlich jedes Jahr“.  

Fernlernen ist anders

Fernlernen ist fundamental anders als Präsenzlernen. In Anbetracht der derzeitigen Startschwierigkeiten vieler Schulen nach der „Zwangsdigitalisierung“ durch Corona, scheint das aktueller denn je. Nun gibt es aber einige Dinge, die ändern sich nicht im Digitalen. Zum Beispiel das Phänomen der niedrigen Beteiligung. Viele Lehrer berichten davon, dass ihre Lernenden zwar grundsätzlich auf ihre Materialien zugreifen, die Rückmeldungen im „virtuellen Klassenzimmer“ aber oft ausbleiben. Dies stellt Lehrende vor ein Problem, das sie anders lösen müssen als im physischen Klassenzimmer. Wer schon länger digital arbeitet weiß auch, dass Lernende kreativ sein können, wenn online organisierte Aktivitäten nicht „zu finden“ sind oder einfach „nicht laden“ (die neue Ausrede für: „hab mein Heft vergessen“). Natürlich gibt es auch den Fall, dass zu Hause nur ein Notebook zur Verfügung steht, aber die meisten Aktivitäten kann man heute problemlos mobil über das Smartphone erledigen – und das hat fast jeder.

 Externe Faktoren

Wer jemals versucht hat einer Gruppe anderer Menschen etwas beizubringen und dabei nicht völlig die Augen verschlossen hielt, der weiß: die Anwesenheit allein sagt nichts über das Interesse aus. Im Kontext von Schule sehen wir, dass Lernende nicht jedes Fach interessiert und es selbst innerhalb des persönlichen Lieblingsfachs viele Unterrichtseinheiten gibt, die bestenfalls als Dekoration wahrgenommen werden. Dazu kommt, dass die Motivation zur Teilnahme beim Lernen wesentlich durch externe Faktoren beeinflusst wird. Hat der 12-jährige Sechstklässler Tim vielleicht grade streitende Eltern zu Hause, einen Hormonschub oder einfach eine Phase der Müdigkeit und Unlust?  Diese Dinge können wir schon im Präsenzunterricht schlecht beobachten und eventuell als Problem identifizieren. Wie soll es also auf Distanz funktionieren?

Wenn wir uns nun in der Fernlehre über mangelnde Beteiligung oder abwesende Schüler in Messenger- und Forendiskussionen wundern, gibt uns das in Wahrheit ein realistischeres Bild von unserem Präsenzkonzept. Nicht unbedingt unserem Lehrkonzept, aber unserem Schulkonzept als Ganzem.

Interne Faktoren

Ja, Schüler sind oft (punktuell) desinteressiert oder disskusionsfaul. Können wir Ihnen das verübeln? Wir Menschen sind biologisch auf Energiesparen gepolt, gelernt oder gemacht wird erstmal nur das, was zum Überleben und direkten Vorankommen wirklich nötig ist. Wir aber konfrontieren Lernende mit Wissen oder Techniken, die in ihrem persönlichen Leben als Kind oder Jugendlicher außerhalb der Schule wenig Bedeutung haben. Techniken, die – nach Klaus Holzkamp – in keiner Weise ihre „persönlichen Handlungsspielräume erweitern”. Tim hat vielleicht großes Interesse an Counter-Strike, aber sein Fokus liegt auf dem Konsum und dem Spielspaß mit seinen Freunden, nicht auf der Produktion eines neuen Spiels, zu dem ihn sein Informatiklehrer ermutigen möchte.

Eine permanente Ausnahme hiervon stellt lediglich die soziale Interaktion dar, durch die Beziehungen zueinander erprobt und ausgelotet werden können. Aber just diese wird nun durch Corona stark reduziert und auf den Bildschirm beschränkt.

 Die Illusion der Aufmerksamkeit

Das Grundproblem von Relevanz und Lernmotivation zeigt sich im Digitalen auch stärker, weil die Illusion der Aufmerksamkeit nicht so real wirkt. Wir sehen keine Schüler, die uns bei unserem Vortrag scheinbar interessiert anblicken und dabei innerlich auf Durchzug schalten. Stattdessen nur Stille im Chatverlauf oder maue Beteiligung im Forum. Wir sollten daraus nicht vorschnell schließen, dass digitales Lernen im Schulkontext weniger gut funktioniert, es ist lediglich ehrlicher.

Was also tun? Sollten wir resigniert alle Versuche einstellen, die Schüler digital besser zu erreichen? Natürlich kann das nicht die Lösung sein. Wir können aber realistisch sein und uns vor Augen führen, das ausbleibende Rückmeldung und vielleicht sogar schwache Leistungen nicht immer am Lehrkonzept oder der Didaktik liegen. Wir sollten versuchen, den Lebensbezug und Nutzen unserer Lernangebote stärker herauszustellen – und auch akzeptieren, dass dies nicht immer funktioniert.  

Hoffnung Digital

Ein positiver Aspekt digitalen Lehrens liegt in der Möglichkeit, sich pädagogisch auszuprobieren und mit neuen Kanälen zu experimentieren. Im Digitalen kann man Dinge testen und simulieren, die vorher unmöglich erschienen, zum Beispiel mit einer gamifizierten Business- oder Pandemiesimulation oder virtuellen Avataren, die den Schülern einen Rollentausch erlauben. Nutzen wir also unsere Fantasie und Kreativität, um wichtige Fähigkeiten auf spannende Art zu vermitteln, ohne dabei unrealistische Ansprüchen an unsere Lernenden zu entwickeln.  

Manchmal liegt der Hauptnutzen einer Schulstunde auch einfach im sozialen Zusammenkommen und der Struktur, die sie den Lernenden und Lehrenden gibt – versuchen wir also unser bestes, diese beiden Dinge zu erhalten.